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Wenn die Welt zu viel wird: Hochsensibilität verstehen und unterstützen

  • Autorenbild: Karoline Pahsini
    Karoline Pahsini
  • 20. Jan.
  • 4 Min. Lesezeit

In meiner Arbeit mit hunderten von Familien habe ich viele Kinder erlebt, die besonders empfindlich auf ihre Umwelt reagieren - sei es beim Essen, bei Geräuschen oder im sozialen Umgang. Hochsensible Kinder und Jugendliche nehmen ihre Umgebung intensiver wahr, verarbeiten Eindrücke tiefer und erleben Gefühle besonders stark. Durch meine Erfahrungen mit hochselektivem Essverhalten und ARFID (Avoidant Restrictive Food Intake Disorder) und meinem Wissensstand über sensorisch-integrative Konzepte habe ich einen guten Einblick darin, wie hochsensible Kinder denken und fühlen und warum ihr Verhalten oft anders ist, als wir es erwarten.


Genauso wichtig ist mir die Perspektive der Eltern. Viele fragen sich, wie sie ihre Kinder im Alltag unterstützen können, ohne sich selbst zu überfordern. Hochsensible Kinder brauchen oft bestimmte Rahmenbedingungen, klare Strukturen und Verständnis. Dabei beginnt alles bei der Selbstwahrnehmung der Eltern und dem achtsamen Umgang mit den eigenen Bedürfnissen.


Hochsensibilität ist nicht nur ein Thema für Kinder, sondern es zeigt s ich auch dass immer mehr Erwachsene sich bereits als Kind häufig missverstanden fühlten. Ihre Wahrnehmung war intensiver, sie waren leichter überreizt, zogen sich oft zurück oder wurden nicht ernst genommen. Viele mussten Ablehnung und Unverständnis erfahren, weil sie „anders“ waren.


Was bedeutet Hochsensibilität?

Allen voran ist es wichtig zu verstehen, dass Hochsensibilität per se keine Krankheit ist, sondern eine Persönlichkeitseigenschaft, die bei bis zu 30 % der Menschen vorkommt. Hochsensible Menschen haben eine besonders feine Wahrnehmung für Details, Gefühle und Stimmungen anderer. Schon in der Kindheit zeigen sie oft Fantasie, Kreativität und emotionale Tiefe.

Auf der anderen Seite zeigt sich, dass hochsensible Personen viele Reize gleichzeitig aufnehmen und nicht immer ausreichend gut filtern können. Das kann zu Überforderung, Rückzug oder emotionalen Ausbrüchen führen. Kinder, die früh verstanden und unterstützt werden, lernen, ihre Stärken zu nutzen, sich selbst zu akzeptieren und Überstimulation zu regulieren, was ihnen als Erwachsene ein Leben lang zugutekommt.


Typische Merkmale für Hochsensibilität können sein:

  • Starke Gefühle: Freude, Wut oder Trauer werden besonders intensiv erlebt

  • Feinfühlige Sinne: Geräusche, Licht, Texturen oder Gerüche können schnell überfordern

  • Reflektiertes Denken:  Hochsensible Personen beobachten genau, merken Details, die anderen entgehen, und denken viel nach

  • Vorsicht bei Neuem: Neue Situationen oder Menschen werden oft vorsichtig erkundet

  • Perfektionismus: Sie haben hohe Ansprüche an sich selbst, arbeiten sehr genau und nehmen kleine Fehler stark wahr

  • Niedrige Frustrationstoleranz: Fehler oder Rückschläge können sie emotional stark belasten

  • Bedürfnis nach Struktur: Klare Abläufe geben Sicherheit und Orientierung

  • Emotionale Überforderung: Zu viele Reize auf einmal können Rückzug oder emotionale Ausbrüche auslösen


Typische Stärken von Hochsensibilität können sein:

Hochsensibilität bringt viele positive Eigenschaften mit, die gefördert werden können. 

Dazu gehören unter anderem:

  • Empathie: Gefühle von anderen werden besonders gut gespürt

  • Kreativität und Fantasie: originelle Ideen und Lösungen können entwickelt werden

  • Detailgenauigkeit: Dinge, die anderen entgehen, können erkannt werden

  • Intuition: Betroffene haben ein besonderes Gespür für Menschen und Situationen

  • Reflexion: Betroffene denken bewusst über sich selbst und ihre Umgebung nach

  • Bewusstsein für Fairness: Ungerechtigkeit oder Leid anderer berührt sie stark

  • Sorgfalt: Aufgaben werden gewissenhaft und zuverlässig erledigt


Die Rolle der sensorischen Integration

Ein zentraler Aspekt, warum hochsensible Kinder oft stärker auf ihre Umgebung reagieren, ist die sensorische Sinnesverarbeitung. Bereits Kinder nehmen ihre Umwelt über alle Sinne wahr: sie sehen, schmecken, riechen, fühlen und hören und auch visuelle Eindrücke, wie z.B. beim Essenlernen das Kauen oder die Konsistenz von Nahrung, spielen eine Rolle.

Das Konzept der sensorischen Integration geht auf die Arbeiten von Anna Jean Ayres zurück. Sie beschreibt drei Basissinne, die besonders wichtig sind: die Tiefenwahrnehmung, das vestibuläre System und den Hautsinn. Jedes Kind hat eigene Präferenzen und Grenzen, welche Reize es verarbeiten kann. Manche Kinder sind besonders sensibel gegenüber lauten Geräuschen, grellem Licht oder intensiven Gerüchen. Andere benötigen stärkere Reize, um sie wahrzunehmen. Die Fähigkeit, Sinneseindrücke angemessen zu verarbeiten, entwickelt sich vor allem in den ersten sieben Lebensjahren. Sie beeinflusst die kognitive, soziale und motorische Entwicklung. Ziel der sensorischen Integration ist es, Wahrnehmungsprobleme zu verbessern, die Handlungsplanung zu erleichtern und Lernvorgänge sowie motorische Anpassungsreaktionen zu unterstützen. Ein besseres Verständnis für die Sinneswahrnehmung Ihres Kindes hilft, Überforderung zu vermeiden und Stärken zu fördern.


Wann professionelle Unterstützung sinnvoll ist

Nicht jedes hochsensible Kind zeigt alle typischen Merkmale, und auch Kinder, die nicht als hochsensibel gelten, können ähnliche Herausforderungen haben. Hochsensible Personen sind oft empfindlicher für Ängste oder andere psychische Belastungen.

Wenn Sie bemerken, dass Ihr Kind im Alltag, in der Schule oder im Umgang mit anderen überfordert ist, kann gezielte Unterstützung helfen. Auch Erwachsene, die sich als hochsensibel erkennen, profitieren von einem geschützten Raum, um sich zu verstehen, Strategien zu entwickeln und ihre Stärken zu nutzen.


Als klinische Psychologin begleite ich Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die ihre Hochsensibilität besser verstehen und in den Alltag integrieren möchten. Wenn Sie sich überfordert fühlen oder Ihr Kind Unterstützung braucht, biete ich einfühlsame Beratung und praxisnahe Strategien, die an den Bedürfnissen Ihrer Familie orientiert sind.


Referenzen:

Guttenberg, P. (2023). Traumreisen für hochsensible Kinder. Die Abenteuer von Hannah und Linus. Bookmundo.

Morales-Botello, M. L., Betancort, M., Pérez-Chacón, M., Rodríguez-Jiménez, R. M., & Chacón, A. (2025). Sociodemographic markers of high sensory processing sensitivity: A descriptive study. Frontiers in Psychology, 16, 1617089. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2025.1617089

Weyn, S., Greven, C. U., Schmidt, S. J., & Gillebert, C. R. (2025). Sensory processing sensitivity and overstimulation in daily life: An experience sampling method study. Scientific Reports, 16(1), 2015. https://doi.org/10.1038/s41598-025-31629-3

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